Freitag, 14. Februar 2014

Interview mit Amelie Mahlstedt

„Lolas verrückte Welt“, so lautet der Titel des in diesen Tagen erscheinenden Buchs von Amelie Mahlstedt. Amelie Mahlstedt ist Mitarbeiterin in der Sprachbehindertenpädagogik an der Universität Leipzig, in ihrem Buch berichtet sie jedoch nicht als Akademikerin, sondern als Mutter von Lola. Lola ist heute 6 Jahre und ein quirliges kleines Mädchen mit vielen Besonderheiten, darunter: Down-Syndrom.

Das Buch beschreibt die ersten drei Jahre von Mutter und Tochter, beschreibt Enttäuschung und Ausgrenzung nach der Diagnose, aber auch Kampfgeist und Liebe. Es ist ein packend geschriebenes, vielschichtiges und sehr ehrliches Buch. „Lolas verrückte Welt“ erzählt nicht nur die Geschichte von Mutter und Tochter, sondern gibt auch viele Hinweise zu Entwicklungsschritten, Therapiemöglichkeiten und Perspektiven von Kindern mit Down-Syndrom. Ein Video bietet einen kleinen Einblick in das Buch:


Am 14. März 2014 besucht Amelie Mahlstedt die Lebenshilfe Leipzig. Um 19:30 Uhr liest sie in der Interdisziplinären Frühförderstelle, Käthe-Kollwitz-Straße 68, im Rahmen der Buchmesse aus ihrem Buch. Die Lesung ist für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ebenso wie für alle anderen Interessierten gedacht und wir laden Sie herzlich dazu ein. Der Eintritt ist frei.

Wir konnten es nicht erwarten und stellten Frau Mahlstedt im Vorhinein bereits einige Fragen.

Frau Mahlstedt, wie haben Sie unmittelbar auf die Diagnose Down-Syndrom reagiert?

Unmittelbar erst mal gar nicht. Weil es zunächst nur eine Vermutung gab, dann den starken Verdacht auf Basis der jahrelangen Berufserfahrung einer Chefärztin und erst zwei Wochen später die Bestätigung durch den genetischen Befund. Ich hatte also genug Zeit, alle Varianten der Reaktion auszuprobieren. Und die reichten von: 'Quatsch, ich sah als Kind genauso aus!' über den totalen Zusammenbruch und die schwärzeste aller Nächte bis zum Gefühl der Erleuchtung und dem Gefühl, Lola sei das Geschenk meines Lebens! Dazwischen alle Facetten von Leugnen, Hoffen, Annehmen und totaler Verdrängung! Also eine muntere Achterbahn der Gefühle. Positiv gesprochen, endlich das Gefühl, wirklich lebendig zu sein. Negativ gedeutet, der freie Fall in den Abgrund!

Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute auf Ihre damalige Reaktion zurück?

Mit guten Gefühlen. Denn trotz aller Schwankungen waren es wunderbare Tage. Ich hatte das Gefühl, ganz und gar lebendig zu sein. Alle Seiten in mir waren plötzlich spürbar. Die dunklen und die hellen. In einem stetigen Wechselspiel. Eine unglaublich intensive Zeit. Vor allem aber war da ein Gefühl der tiefen Gelassenheit in mir, von Ruhe, Annehmen und Fließen-Lassen. Und einer tiefen Verbundenheit mit Lola. Aber das ist typisch für mich. Bei kleinen Problemen kann ich hyperventilieren. Aber wenn es wirklich drauf ankommt, bin ich ganz ruhig und gelassen und in der Lage, das Beste aus einer Situation zu machen.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie gemerkt haben: Ja, jetzt habe ich mein Kind angenommen?

Oh nein, es gab keinen einzelnen Moment. Das war ein langer Prozess mit vielen Höhen und Tiefen. Schon in der ersten Nacht hatte ich das Gefühl, sie so lieben zu können, wie ich noch nie geliebt habe. Sie anzunehmen, als etwas ganz Besonderes. Aber ein paar Tage später sah es ganz anders aus. Ich betrachtete sie von außen, sah all das in ihr, was ich nie haben wollte und wusste nicht, wie ich sie würde lieben können. Und je nach Reaktionen meines Umfeldes, und seien es Blicke von Fremden auf der Straße, stieg und fiel meine Fähigkeit, sie anzunehmen. Im Grunde beschreibt mein Buch diesen langen Prozess des Annehmens über die ersten Jahre hinweg. Und vielleicht ist es sogar so, dass ich erst DURCH das Schreiben des Buches es wirklich geschafft habe, sie anzunehmen. Das merke ich daran, dass es mir keinen Stich mehr zufügt, wenn manche Menschen sie kritisch anschauen oder eine Mutter bedauern, die gerade ein Baby mit Down-Syndrom bekommen hat. Es trifft mich nicht mehr. Auch nicht, wenn Lola in ihren Fähigkeiten weit hinter ihren Altersgenossen zurückbleibt. Heute ist sie nur noch Lola für mich. Einzigartig! Und wenn mich etwas trifft, dann höchstens, wenn sie selber unglücklich ist, weil sie etwas nicht schafft, das andere schon lange können. Oder von den Nachbarskindern beim Spielen ausgeschlossen wird, weil 'die ja gar nicht richtig sprechen kann'. Aber es tut mir weh, weil SIE darunter leidet. Und nicht ich!

Was hat Lola Sie gelehrt?

Unglaublich viel. Zum Beispiel im Moment zu sein. Dass darin alles liegt, was man zum Glück braucht. Und den Dingen ihre Zeit zu lassen. Zu vertrauen und loszulassen. Dann fügt sich oft alles von ganz alleine. Und sie hat mich gelehrt, was es bedeutet zu lieben. Ohne Bedingungen. Ohne Erwartungen. Und dass es wichtig ist, dem eigenen Gefühl zu vertrauen. Der inneren Stimme. Und seinen Weg zu gehen. Und sie hat mich gelehrt, wie wunderbar das Schreiben sein kann. Und wie ungeheuer wichtig für mich. Ach, so viel hat sie mich gelehrt.

Wie würden Sie Lola in drei Worten beschreiben?

Dr. Amelie Mahlstedt (© Corwin von Kuhwede)
WWW. Witzig, Willensstark und Warmherzig. In Langfassung: Lola hat ein wunderbares Talent zum Komischen und zum Schauspiel, lacht über alle Witze, egal ob sie sie versteht oder nicht. Und sprüht dabei vor Charme. Sie ist äußerst willensstark und erfindungsreich, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Sich ein Stück Wurst vor dem Essen zu ergaunern, im Auto vorne mitzufahren oder nicht den Berg hochlaufen zu müssen. Aber wenn jemand Hilfe braucht, krank ist oder Hunger hat, ist sie so fürsorglich und einfühlsam, wie man nur eben sein kann. Und weicht nicht von seiner Seite. Das geborene Muttertier.

Was ist an Lolas Welt verrückt?

Als ich vor fünf Jahren einen Namen für meinen Blog gesucht habe, bin ich einfach auf diesen Namen gekommen. 'Lolas verrückte Welt'. Das Wort 'verrückt' hat diese wunderbare Doppeldeutigkeit im Sprachgebrauch. Von 'verrückt' im Sinne von 'außergewöhnlich, jenseits der Norm, genial, toll, ultimativ, ', aber auch von 'komisch, durchgedreht, anders im Kopf, seltsam'. Ich mag diese Worte, die so ganz verschiedene Seiten in sich tragen, zwei Gegensätze, scheinbare Widersprüche. Dazu kommt noch die wortwörtliche Bedeutung, von 'ver-rücken'. 'An eine anderen Ort stellen'. Und genau das ist es, was Lola mit mir gemacht hat. Sie hat meine Perspektive auf viele Dinge 'ver-rückt'. Ihnen eine neue Bedeutung gegeben.

Hat Lola Sie auf das Gebiet der Sprachbehindertenpädagogik gebracht?

Ja. Vor ihrer Geburt war ich zwar schon im Bereich der Sprachforschung tätig, aber bei sprachunauffälligen Kindern. Seit einiger Zeit überlege ich nun sogar, ob ich die Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom zu einem eigenen Forschungsthema machen sollte. Weil ich mich ohnehin stark inhaltlich damit beschäftige.

Und wenden Sie Ihr akademisches Wissen nun auch bei Lola an?

Natürlich. Wobei ich in der praktischen Arbeit mit ihr allerdings sehr viel gelernt habe, was ich nie in der wissenschaftlichen Tätigkeit hätte lernen können. Die täglichen Sprachübungen mit ihr und meine theoretischen und empirischen Kenntnisse befruchten sich stark gegenseitig. Aber ich versuche, es nicht zu übertreiben. Sie nicht zum 'Versuchskaninchen' zu machen. Sie ist schließlich in erste Linie meine Tochter! Und kein Proband in einem Experiment.

Frau Mahlstedt, wir danken Ihnen für das Interview.

Die Lesung mit Amelie Mahlstedt wird vom Freistaat Sachsen gefördert. Wir bedanken uns dafür.

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